Gott ist treu.  (1. Kortinther 1,9 )

Die drei Worte klingen unspektakulär. Gott ist treu. Den ersten Lesern und Hörern dieses Satzes ging das anders.

 Zu der Zeit, als der Apostel Paulus seinen ersten Brief an die Gemeinde in Korinth schrieb, hätten die meisten Leute auf der Straße mit dem Kopf geschüttelt, wenn man ihnen gesagt hätte, Gott sei treu. Nicht dass sie an der Existenz des Göttlichen oder von Göttern zweifelten, das taten damals nur wenige, aber sie verstanden darunter vor allem jene unberechenbaren Mächte, denen das menschliche Leben ausgeliefert ist: Naturgewalten,  Krankheit, Armut, Tod  werden auf den Menschen losgelassen.  
Als fern und schwer zu fassen, als unwiderstehlich mächtig, aber völlig willkürlich erlebten die Griechen das Göttliche. Die Ungebildeten und Abergläubischen versuchten, die Götter durch Opfergaben zu besänftigen. Kürzlich konnte man sich so etwas bei einer Dokumentation über den Pazifischen Feuerring ganz gut vorstellen.  Dieser Vulkangürtel, der den Pazifischen Ozean von drei Seiten umgibt,  sorgt immer wieder für Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Tsunamis.  Dort lebende Naturvölker versuchten, ihre Götter durch Opfer bis hin zum Menschenopfer zu besänftigen, damit  diese die  alles vernichtende „Urgewalt“ nicht auf sie losließen.

„Gott ist treu.“ So etwas hätten die Menschen gar nicht zu denken gewusst.  Andere zur Zeit des Paulus, die  aufgeklärten Philosophen etwa, lehrten, dass man nur sich selbst vertrauen dürfe. Man müsse sich innerlich  von allem frei machen, was Menschen oder übermenschliche Mächte einem an Gutem oder Bösem zufügen können. Nur sich selbst dürfe man treu sein, lehrten die Philosophen, nichts dürfe man fürchten und auf nichts hoffen, was nicht in der eigenen Macht stehe.

All das belegt: Menschen konnten sich seinerzeit einen nahen Gott überhaupt nicht vorstellen. Das passte in kein Lebens- und Denkkonzept. Gott selbst muss dieses Denken erst im Menschen anlegen.  Paulus schreibt weiter: „Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.“    Gott selbst wird Mensch. Gott selbst wird Kind. Unvorstellbar in damaligen Ohren. Unvorstellbar, wenn man weiß, dass gerade Kinder die schwächsten Glieder in einer Gemeinschaft sind. Gott ist dem Menschen treu, indem er des  Menschen Ausgeliefertsein für sich wählt.

Ein Kind, das Jesus in einer Kirche an einem Kreuz hängen sieht, den Kopf nicht einmal mehr gerade auf den Schultern haltend, sagt empört: „Wär‘ ich der liebe Gott, ich hätte mir das nicht gefallen lassen.“ Es wird gefragt: „Wem fühlst du dich näher? Einem Gott, der nichts fühlt, oder einem Gott, der Schmerzen hat?“

Gott ist treu. Bis in unseren menschlichen Schmerz hinein. Gott ist treu,  dass er sogar in den Schmerz hineingeht.  Aber er belässt es nicht dabei. In seiner Auferstehung gibt er uns die Widerstandskraft, die uns immer neu aufrichtet. Auch im Schmerz. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht.

Gott ist treu. Denn er nimmt uns in seine Geschichte hinein. Das ist gemeint, wenn wir bekennen, dass wir nicht uns selbst oder anderen Mächten gehören, sondern Jesus Christus. In der Taufe besiegelt er genau dies: Du hast Teil an Christi Sterben und Auferstehen.  Ich lasse dich nicht los.

Nur selten stehen wir dabei still. Wir sind ja auch – oft schon ein Leben lang – damit aufgewachsen. Aber es ist schon ganz besonders, mit diesem Gottesbild leben, glauben und sterben zu dürfen.  Wie anders, grundlegend anders fühlte sich das Leben Tag für Tag an, wenn Gott nur ein dunkles, verborgenes und willkürliches Gegenüber wäre?

Ein gesegnetes 2020 Anno Domini.

Friedhelm Schrader

 

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