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Andacht

„Aber mir ist es völlig gleichgültig, ob ihr oder ein menschliches Gericht mich beurteilt. Ja, ich beurteile mich nicht einmal selbst.“ (1. Korinther 4,3)

Raus aus dem Gerichtssaal

Wir verlassen ihn kaum, den inneren Gerichtssaal. Dort wird ständig verhandelt. Manchmal leise, manchmal mit Nachdruck. Immer geht es um dieselbe Frage: Bin ich gut genug? Was denken die anderen über mich?

Unser Alltag liefert unaufhörlich neues Material. Gespräche, Entscheidungen und Leistungen werten wir aus. Manchmal haben wir den Eindruck, wir bestehen diesen inneren Prozess und fühlen uns sicher. An anderen Tagen kippt das Urteil, und wir erleben uns als ungenügend oder gescheitert. Doch eines ist klar: Der Prozess hört nicht auf.

Dabei wissen wir: Ganz ohne Bewertungen geht es nicht. Schule und Berufsleben sind davon geprägt. Leistungen werden eingeschätzt, Entscheidungen beurteilt, Menschen verglichen. Und vieles davon ist notwendig und sinnvoll. Das Problem liegt nicht darin, dass es Bewertungen gibt. Es beginnt dort, wo sie zum letzten Maßstab werden und darüber entscheiden, wer ich bin. Dann wird aus einer sachlichen Einschätzung ein Urteil über meine Person.

Die Lösung scheint klar. Mach dich unabhängig von den Urteilen anderer. Frag nicht mehr, was andere denken. Setze deine eigenen Maßstäbe. Doch genau hier liegt das Problem. Damit ändert sich nur der Richter. Das Gericht selbst bleibt bestehen. Auch den eigenen Ansprüchen werden wir nicht gerecht. Oder wir senken sie so weit, dass wir uns selbst nicht mehr ernst nehmen können. In beiden Fällen bleiben wir im Gerichtssaal.

Paulus beschreibt eine erstaunliche Freiheit. Ihm bedeutet das Urteil anderer wenig, und auch sein eigenes Urteil über sich selbst ist für ihn nicht entscheidend. Das wirkt befremdlich. Wie kann ein Mensch so leben? Der Schlüssel liegt darin, dass Paulus den Gerichtssaal verlassen hat. Für ihn ist der Prozess beendet. Nicht, weil er sich selbst freigesprochen hätte, sondern weil das entscheidende Urteil bereits gesprochen wurde. Dieses Urteil kommt nicht von ihm und auch nicht von anderen Menschen, sondern von Gott.

Im Evangelium geschieht etwas, das unseren gewohnten Denkrahmen sprengt. Das Urteil steht fest, bevor die Lebensleistung erbracht ist. Gott spricht sein Ja nicht auf der Grundlage dessen, was wir vorweisen können, sondern auf der Grundlage dessen, was Christus für uns getan hat. Das ist keine billige Zusage. Denn Jesus Christus ist in diesen Gerichtssaal gegangen, an unsere Stelle. Er hat sich der Anklage gestellt, die uns galt, und wurde verurteilt, damit wir frei ausgehen. Der Ort, an dem wir uns ständig rechtfertigen müssen, ist für uns kein Ort mehr, an dem wir bleiben müssten.

Und doch kehren wir dorthin zurück, vergleichen, bewerten, sammeln Beweise. Genau hier liegt die entscheidende Frage: Was tue ich eigentlich noch im Gerichtssaal, wenn das Urteil längst gesprochen ist?

Der Ausweg beginnt unscheinbar. Nicht mit einem großen Schritt, sondern mit einem kurzen Innehalten. In dem Moment, in dem wir merken, dass wir uns wieder rechtfertigen oder vergleichen, können wir uns daran erinnern: Das Urteil ist schon gesprochen. Ich muss nichts mehr beweisen, mich nicht mehr verteidigen. Dieser Ort ist nicht mehr mein Zuhause.

„Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ (1. Korinther 4,7). Wenn alles, was wir haben, letztlich ein Geschenk ist, dann gibt es nichts mehr zu beweisen. Weder vor anderen noch vor uns selbst. Die Freiheit, von der Paulus spricht, besteht nicht darin, besser oder schlechter über sich selbst zu denken, sondern darin, weniger um sich selbst zu kreisen. Das eigene Ich steht nicht mehr im Zentrum, weil es seinen festen Ort in Gottes Zusage gefunden hat.

Der Prozess ist beendet. Das Urteil steht fest.

Warum bleibe ich noch im Gerichtssaal, wenn ich ihn längst verlassen könnte?

                                                                                                                      Heye Heikens